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Vegetarisch genießen

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Einleitung Rezepte
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Das Wüstenvolk der Bishnoi

Hans-Jürgen Otte

Veg: Herr Otte, Sie haben eine Zeit lang mit den Bishnoi in Indien gelebt. Wie kam das?

Hans-Jürgen Otte: 1990 habe ich im Fernsehen einen Bericht gesehen über Menschen, die in der Wüste in Harmonie mit den Tieren, der Natur und den Mitmenschen leben. Auf meine Nachfrage beim Fernsehen hin hatte ich die Möglichkeit, den Regisseur kennen zu lernen. Ich bekundete ihm, dass ich gerne mal bei diesen Menschen leben würde, und er nannte mir gleich die Bedingungen: "Grundvoraussetzung: Keine Suchtstoffe, und Sie müssen Vegetarier sein." So reiste ich nach Delhi, und das Kamerateam brachte mich in ein Bishnoi-Dorf mitten in der Thar-Wüste. Vier Wochen später wollten sie mich wieder abholen. Ich war außerhalb des Dorfes untergebracht - sozusagen als stiller Beobachter. Als sie nach vier Wochen zur Stelle waren, wollte ich noch nicht zurück. "Gut, dann kommen wir in drei Monaten wieder." Sie kamen , wie verabredet. Aber es wurde mir schwer, mich von diesen einfachen, ethisch hochstehenden Menschen zu trennen. Ich erlitt eine Art Kulturschock, als ich wieder den Boden meiner alten Welt betrat und in mein altes Leben eintauchen musste. Ich tat es um der Freunde und gewisser Verpflichtungen willen und vor allem, um das Erlebte rüberzubringen. Dabei lernte ich viele interessierte, offenherzige Menschen kennen, und etliche wurden auf meine Berichte hin Vegetarier.

Veg: Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel: "Menschen die sterben um Bäume und Tiere zu retten". Ist das nicht ein bisschen übertrieben?

Hans-Jürgen Otte: In meinem Buch kann man z.B. nachlesen, dass über 360 Menschen ihr Leben gelassen haben, als der Maharadscha für seinen neuen Palast in der Halbwüste Bäume fällen lassen wollte. Für die Bishnoi haben Bäume eine große Bedeutung. Sie lieben und verehren sie als ihnen ebenbürtige Geschöpfe, die nur Gutes vollbringen; denn Bäume spenden Schatten, sie bewahren das Wasser vor rascher Verdunstung, und ihre Blätter dienen den Kühen als Nahrung. Als erste klammerte sich eine Frau an einem der Bäume fest und rief: "Nein, ihr müsst mir schon den Kopf abschlagen, wenn ihr die Bäume fällen wollt." Und so geschah es auch. Immer mehr Kinder und Männer schlossen sich der mutigen Tat dieser Frau an, bis 360 Bishnoi getötet waren und der Auftrag erteilt wurde, mit dem Töten der Menschen aufzuhören. Es ist fast unglaublich, wie sehr sie sich für die Natur einsetzten und sich für das Leben der Bäume umbringen ließen. Dem Maharadscha imponierte die Haltung der Bishnoi sehr, und so darf seit diesem Massaker in ihrem Lebensraum nie mehr ein Baum gefällt, nie mehr ein Tier getötet werden. Das gilt bis heute. Wenn dennoch einmal eine Gruppe von Jägern in ihr Gebiet gelangt, dann stellen sie sich vor die Tiere und lassen sich lieber selber töten, bevor sie es zulassen, dass ein Tier getötet wird. Diese Achtung vor den Tieren und Pflanzen finde ich faszinierend, und es ist schade, dass bei uns kaum jemand darüber Bescheid weiß. Wir sollten das als Denkansatz nehmen: für Natur und Tiere zu kämpfen.

"Seit über 500 Jahren lebt in der Wüste Thar im Nordwesten Indiens ein Volksstamm, dessen Angehörige bereit sind, die Tier- und Pflanzenwelt des kargen Gebiets mit ihrem Leben zu verteidigen.
Sie würden lieber selbst hungern, wenn sie dafür die Tiere füttern könnten, denn sie glauben daran, dass alle Lebensformen die gleichen Rechte haben."
Anupma Bhattacharya

Veg: Können Sie uns etwas über das Leben der Bishnoi erzählen?

Hans-Jürgen Otte: Elektrisches Licht und fließendes Wasser gab es dort nicht. Die Bishnoi leben annähernd so, wie wir vor einigen Hundert Jahren. Ihre überwiegenden Tätigkeiten sind Wasserholen und Brennmaterial-Besorgen. Dabei schneiden sie keinen Ast ab, sondern sammeln nur das auf, was abgefallen ist. Auch den Dung der Kühe verwenden sie als Brennmaterial. Sie bauen vor allem Hirse und Mais an. Die Milch, die sie von den Tieren bekommen, tauschen sie ein. Auf Kamelen und dann mit einem Bummelzug transportieren sie die Milchkannen zu entfernteren Abnehmern. Die Milch bleibt frisch, weil die Nacht in der Wüste sehr kühl ist, so um die 2-3 Grad. Der Lieferung legen sie eine Bestellung bei, gegen die sie die Milch eintauschen wollen. So brauchen sie beispielsweise eine Brille oder Kleidung oder dergleichen. Nach ungefähr einer Woche kommt dann jemand vorbei und bringt das Gewünschte, oder es hängt am anderen Morgen in einer Tüte an einem am Zug angebrachten Haken, an dem vorher die Milchkessel gehangen haben.

Veg: Die Bishnoi verwenden also kein Geld?

Hans-Jürgen Otte: Nein, sie tauschen. Milch gegen etwas anderes. Was soll man mit Geld dort anfangen? Man kann nichts kaufen. Es gibt nicht einmal einen Laden. Deshalb sollten dort auch keine Touristen hinfahren. Die Bishnoi möchten für sich leben, und das ist auch gut so. Immer wieder hat die Kulturgeschichte bewiesen, dass dort, wo wir uns "eingemischt" haben, unsere Kultur übernommen wurde. Unsere Kultur ist nicht ihre Kultur. Ihre Kultur ist unserer in vielerlei Hinsicht, z.B. was den ethischen Umgang mit Natur und den Tieren betrifft, bei weitem überlegen. Zudem haben sie seit Hunderten von Jahren so gelebt und sind glücklich dabei. Wir sollten sie so akzeptieren, wie sie sind.

Veg: Wie haben Sie die Bishnoi als Vegetarier erlebt?
Hans-Jürgen Otte: Ich wurde ab und zu abends zum Essen eingeladen, allerdings immer, bevor es dunkel wurde. Bei Dunkelheit müssen sie Petroleumlampen anzünden, und dabei bestünde die Gefahr, dass Insekten in ihr Essen fallen könnten. Das wollen sie um jeden Preis verhindern, denn sie sind strikte Vegetarier. Sie würden nicht einmal von jemandem Essen annehmen, der Fleisch isst oder Fleisch berührt hat. Ein solcher Mensch ist für sie unrein, weil er getötet hat.
Als wir gemeinsam aßen, gaben sie mir reichlich, selber nahmen sie sehr wenig. Sie waren glücklich, dass es mir schmeckte und dass sie mit mir teilen durften. Ihre Gastfreundschaft faszinierte mich. Sie waren, obwohl erwachsen, wie Kinder.
Teilen ist ein starkes Prinzip, bei Erwachsenen wie bei Kindern. Zehn Kinder spielten mit selbst gebasteltem Spielzeug, ohne dass eines geschrien hätte: "Das ist meines!" Sie haben immer geteilt. Übrigens sind die Bishnoi groß gewachsene, stattliche und gesunde Menschen. Das ist wohl ein guter Beweis dafür, dass ihnen das vegetarische Essen gut bekommt.

Veg: Wie konnten Sie mit den Bishnoi sprechen ?

Hans-Jürgen Otte: Gar nicht. Wir kommunizierten in Zeichensprache. Dennoch bekam ich mit, dass sie nicht viele Worte machten und mit wenig viel rüberbrachten. Im Gegensatz dazu reden wir häufig viel und sagen dabei wenig. Mir hat es gezeigt, dass es besser ist, gezielte Worte zu sprechen und dann zu handeln.
Grundsätzlich erlebte ich, dass diese Menschen sich gegenseitig große Aufmerksamkeit und Achtung schenkten, insbesondere den Älteren. Diese sind auch für die Bildung der Jüngeren zuständig. Ich erlebte Kinder und Jugendliche, die einem älteren Mann gebannt zuhörten, als er Geschichten über das Leben erzählte. Es herrschte eine unglaubliche Stille. Ich dachte bei mir: Warum können wir das nicht mehr? Sind wir denn schon so verkommen?

Die Gebote der Bishnoi
(Auszug aus den 29 Regeln)

• Großmütige und achtungsvolle Beziehung zwischen Frau und Mann
• Töte niemals ein Tier, egal wie klein es ist
• Iss niemals Fleisch
• Sei immer zufrieden
• Denke, bevor du sprichst
• Habe Verständnis, vergib
• Stiehl nicht
• Lüge nicht
• Kritisiere nicht ohne Grund
• Gier, Ärger, Begierden und Betörung bekämpfen
• Vergleiche nicht andere mit dir
• Das Lob Gottes jeden Tag erwecken
• Habe Mitgefühl mit allem, was lebt
• Fälle niemals einen Baum, beschneide keinen grünenden Baum
• Kein Opium rauchen
• Keinen Tabak rauchen, gleich welcher Form
• Keinen Alkohol trinken
»Man darf nicht denken, daß die Bishnoi rückständige Stämme sind und der Umweltschutz nur eine Tradition ihrer Kultur ist. Die Bishnoi sind ein aufgeklärtes Volk. Sie sind die Meister ihres Landes. Viele von ihnen engagieren sich in der Landes- und Staatspolitik.« Hans-Jürgen Otte

Veg: Können Sie uns etwas über die Weltanschauung der Bishnoi sagen?

Hans-Jürgen Otte: Der Begründer der Glaubensgemeinschaft der Bishnoi heißt Jambeshwar und wurde 1451 in Pipasar geboren, zur Zeit des Herrschers Marwar. Der junge Jambeshwar führte täglich die Schaf- und Rinderherden seines Vaters auf die Weide. In diesen Stunden der Einsamkeit erwuchs in dem jungen Hirten eine tiefe Liebe zur Natur und ihren Tieren.
1476 musste er hilflos mit ansehen, wie das ganze Land von einer Dürre heimgesucht wurde. Jambeshwar beobachtete, wie Menschen die Blätter von den Bäumen rissen, um die Tiere zu füttern. Er erlebte, wie der Wald gerodet wurde, bis kein Baum mehr übrig blieb, und wie schließlich die Tiere gejagt und ausgerottet wurden. Er sah, wie sein Heiligtum, die Natur, in eine Wüste verwandelt wurde, in der niemand mehr leben konnte. Und so erwachte in ihm die Erkenntnis und zugleich die Vision, dass der Mensch mit der Natur und den Tieren in Harmonie leben muss, um in dieser Kargheit bestehen zu können.
Im Laufe der Jahre entwickelte er eine Lehre, die sich aus 29 Grunddoktrinen zusammensetzt. Deshalb wurden seine Anhänger Bishnoi genannt, von "bish" = 20 und "noi" = 9. Als Wanderprediger, der die Sanddünen von Rajasthan zur Kanzel machte, konnte er eine Reihe von Anhängern gewinnen, die gleichermaßen entschieden waren wir er.
Er predigte sinngemäß: "Ihr müsst es anders machen als die Kulturvölker, die hier gelebt haben. Sie haben Natur und Tiere geschändet, haben die Naturgesetze missachtet und mussten deshalb von hier wegziehen oder sind umgekommen." Seine Jünger erkannten: "Ja, er hat Recht. Wenn wir hier überleben wollen, so ist das Leben im Einklang mit der Natur und den Tieren unsere einzige Chance. Wir wollen nicht irgendwo anders hin, denn wir lieben unsere Heimat." Also änderten sie ihr Leben. Sie erkannten auch, dass der Boden im Überfluss gibt, auch wenn die Tiere ihren Teil nehmen - ja, dass er dann sogar noch mehr gibt. Und sie erlebten, dass auch die Tiere, wenn sie geachtet sind und sorglos leben dürfen, viel mehr geben, als sie nehmen. Idana z.B., eine Kuh in „meinem“ Dorf, hatte sechsmal Zwillinge und gab über 100 000 Liter Milch, ohne je krank zu sein.
Heute schätzt man die Anhängerschaft in Rajasthan auf ca. 300.000 Gleichgesinnte, verteilt auf viele Dörfer mit je 200-300 Personen.

Veg: Die Bishnoi zäunen ihre Felder nicht ein. Können sich die Tiere also holen, was sie wollen?

Hans-Jürgen Otte: Ja. Der Ackerbau ist ohnehin ein Glücksspiel mit dem Wetter. Ihre Felder sind offen, und sie betrachten den von Vögeln und anderen Tieren angerichteten "Schaden" als Bestandteil ihres Anbausystems. Aber nicht genug: Den zehnten Teil der Ernte geben die Bishnoi der Natur und den Tieren zurück. Sie füttern die Tiere früh morgens und wenn die Sonne untergeht. Die Tiere kommen ins Dorf und erhalten Wasser. Antilopen, die normalerweise sehr scheu sind, essen buchstäblich aus der Hand. Es kamen auch andere, kleinere Tiere: eine Art Wildhunde und Hunderte von Vögeln. Sie haben keine Angst. Es herrscht da eine unglaublich friedliche Atmosphäre - man kann es gar nicht erklären. Ich habe mich manchmal gekniffen und gefragt: Kann das sein, oder träume ich? Es war Wirklichkeit, es war wahrhaft Wirklichkeit!! Ich sage immer: "Schaut mal, ich war schon im Paradies." Dieser Gedanke wird mich nicht wieder loslassen.

Wehe den Jägern!!!
Die übliche Art der Bishnoi, Jäger und Wilderer zu bestrafen, ist nicht nur, diese zu verprügeln, sondern sie zur Zahlung einer ordentlichen Summe für das Gemeinwohl zu verdonnern und sie auf den Knien überzeugend schwören und geloben zu lassen, nie mehr in ihrem Leben ein Tier zu töten. Nicht selten kommt es vor, dass Jäger von aufgebrachten Bishnoi-Frauen nackt an den Boden gepfählt und für einige Stunden der brütenden Wüstensonne ausgesetzt werden. Das Recht, solche Bestrafungen durchzuführen, lassen sich die Bishnoi - trotz aller Ermahnungen amtlicherseits - nicht nehmen. Die Erfahrung hat ihnen gezeigt, dass man amtlichen Stellen nicht allzu sehr trauen sollte.

Zeitungsberichte aus “Sangoshti Vaani”
19. Januar: 5 Personen aus dem Dorf Kodu erschossen Gazellen auf einem Bishnoifeld in der Nähe von Rewqnda. Manohar Kak hielt einen von ihnen, nämlich Karni Dah, fest und verprügelte ihn so lange, bis er seine Tat gestand und schwor, solche Verbrechen nie wieder zu begehen.
20. Januar: Luna Ram Bishnoi rettete eine angeschossene Gazelle in Lankhasar, wobei er von den Wilderern bedroht wurde. Er entgegnete: "Wenn ihr mich jetzt umbringt, kommen Hunderte von Bishnoi und geben euch eine passende Lektion." Die Wilderer entschuldigten sich und zahlten eine Strafe von 500 Rupien.
1. März: Mahendra Khan wurde geschnappt, als er auf Gazellen im Dorf Chotina schoss. Angesichts der Wut seiner Häscher schwor Khan, so etwas nie wieder zu tun. Er musste 45 Rupien an die Dorfgemeinschaft bezahlen.
Die Affäre Khan
Salman Khan, berühmter Filmstar Hollywoods, zeigte 1998 während der Drehpausen eines Action-Films kein großes Verständnis für eine achtungsvolle Haltung gegenüber Natur und Tieren. Gemeinsam mit Freunden unternahm er Jagdausflüge in die Wüste Thar. Dabei drangen sie auch in ein Bishnoi-Reservat ein, hetzten zutrauliche Antilopen bis zu deren Erschöpfung und schossen zudem bedrohte und streng geschützte Schwarzböcke sowie eine ebenso unter Schutz stehende indische Gazelle. Die Bishnoi, die an die Unverletzlichkeit allen Lebens glauben, hielten den Schauspieler fest und sorgten dafür, dass er für eine Woche festgehalten wurde. Kahn stritt alles ab, und sein Anwalt ging in die Offensive: "Entweder wurden diese Anschuldigungen von Leuten erhoben, die selbst schuldig sind und sich besser mit ihren eigenen Verstößen auseinandersetzen sollten, oder von den Bishnoi, denen ihre Verehrung für Tiere ohnehin das Hirn vernebelt." Die erste Autopsie hatte ergeben, dass ein Tier durch zuviel Essen, das andere durch einen falsch angesetzten Sprung ums Leben gekommen sei. Auf Druck der Medien wurde die Autopsie der Tiere, die bereits in der Wüste vergraben worden waren, wiederholt. Es zeigte sich, dass die Vertreter der Glaubensgemeinschaft der Bishnoi Recht gehabt hatten und die Tiere widerrechtlich getötet worden waren. Viele meinen, Kahn habe Glück gehabt, dass er den Händen der Bishnoi entkam. Er hätte sonst, wie üblich, von ihnen einen zünftigen Denkzettel erhalten...
http://www.bollywhat.com/Biographies/salman_bio.html
sowie: "Wegbereiter des Friedens"

Veg: Den Bishnoi sind nicht nur die Tiere heilig, sondern auch die Bäume?

Hans-Jürgen Otte: Ja, der Kheirj-Baum z.B. ist ihnen heilig, und sie meditieren häufig dort. Für ihn haben sie schließlich einst ihr Leben gelassen. Der Faden, den sie um diesen Baum binden, symbolisiert die innere Verbundenheit mit ihm. Sie danken ihm für seine herrlichen Zweige und Blätter, die ihnen Schatten, Schutz und auch so manchen positiven Impuls schenken, und sie danken für das Wasser, mit dem sie seine Wurzeln begießen dürfen. In der Nähe ihres Zuhause haben sie ein bis zwei Bäume, die sie besonders verehren - stellvertretend für alle.

Veg: Und nach vier Monaten haben Sie das Volk der Bishnoi wieder verlassen?

Hans-Jürgen Otte: Ja, trotz innerer Kämpfe bin ich dann doch gegangen. Was ich gesehen und erfahren habe, schrieb ich in dem kleinen Büchlein "Von Menschen, die sterben, um Bäume und Tiere zu retten" nieder, um uns veräußerlichten und verrohten Menschen einen Denkanstoß zu geben: damit wir über unser Verhältnis zu Natur und Tieren nachdenken und dann eventuell Konsequenzen ziehen für unser eigenes Leben.
Eine große Überraschung erlebte ich übrigens vor wenigen Wochen. Ich habe hier in Aschaffenburg in einem Naturkostladen eine Einladung für eine Veranstaltungen der Gabriele-Stiftung, das "Gemeindeleben mit Liebesmahl", mitgenommen und bin hingegangen. Es war sehr beeindruckend. Etwa tausend Tierfreunde haben sich in einem großen Versammlungsraum getroffen und in gehobener Atmosphäre gemeinsam das Mahl eingenommen. (Diese Veranstaltung findet einmal im Monat statt, und jedermann, der ein Herz für die Tiere hat, ist eingeladen.) Dann wurde über das "Friedvolle Land" der Gabriele-Stiftung gesprochen, und es wurden Filme und Dias über die geretteten Tiere und den einmaligen Biotopverbund gezeigt. Es war bewegend zu sehen, was da für die Tiere getan wird. Rinder- und Schafherden, die vor dem Schlachter gerettet wurden, leben nun glücklich auf großen Weiden mit geräumigen Unterständen, und die Betreuer kümmern sich liebevoll um jedes einzelne Tier, wie um ein Familienmitglied. Auch Gänse, Enten, Vögel, Hasen und viele weitere Tiere gibt es hier - das ganze Land ist offenbar bevölkert von Tieren, die spüren, dass hier ein anderer Geist weht. Die Tierbetreuer erzählten auch von einer Familie von Urrindern, die am Anfang sehr, sehr scheu war. Das erste Kalb sei ebenfalls noch etwas scheu gewesen, das zweite dann weniger und das dritte sei gleich nach seiner Geburt ganz ohne Scheu und voller Zutrauen auf sie zugekommen. In dieser Generation haben die Tiere bereits verinnerlicht, dass auf diesem Stück Land die Menschen ihre Freunde sind und sie nichts von ihnen zu befürchten haben. Als ich das hörte, wusste ich: Hier bin ich richtig! Diese Menschen hier haben ähnliche Anschauungen und Lebensrichtlinien, wie ich sie bei den Bishnoi gesucht und gefunden habe. Das Leben geht manchmal seltsame Wege: Da bin ich so weit gereist, um den halben Erdball bis in die Wüste - und dabei gibt es hier, ganz in meiner Nähe, Menschen, die dasselbe Ziel anstreben und in die Tat umsetzen. Nur hatte ich bisher nichts davon gewusst…

Veg: Vielen dank für das Gespräch

Hans-Jürgen Otte:
Menschen die sterben um Bäume und Tiere zu retten

Bishnoi-Verlag Hans-Jürgen Otte
Tierheilpraktiker
Pfaffengasse 20
D-63739 Aschaffenburg
Telefon 060 21 / 2 65 23.

Bishnoi-Verlag, 1992
ISBN 3-980 3020-0-8,
Euro 12,50.-

Bishnoi-Faszination

Meine Erste Begegnung mit den Bishnoi

1975 machte ich mich gemeinsam mit dem Fotografen Hari Ram auf den Weg, in einem Streifzug durch die ausgetrocknete Gegend um Pali nach Gazellen Ausschau zu halten.
Es dauerte nicht lange, bis wir auf einigen in der Nähe von Ansiedlungen liegenden Feldern tatsächlich Gazellen entdeckten, die allerdings wegliefen, sobald wir uns ihnen näherten und sie fotografieren wollten (zu dieser Zeit gab es noch keine Teleobjektive).
Unser offensichtliches Interesse für die schönen, sanftäugigen Tiere rief schnell aufgeregte Dorfbewohner auf den Plan. Sie beobachteten uns unaufhörlich und schrien uns an. Ich ärgerte mich. Das passte mir überhaupt nicht. Diese Leute gefielen mit nicht. Ich beachtete sie nicht und verfolgte die Tiere, ohne mich durch ihren Protest stören zu lassen.
Ein Tier rettete sich in ein größeres Dorf und durchquerte die Getreidespeicheranlage. Uns blieb nichts anderes übrig, als ihm auf der Strasse hinterherzufahren. Aber da verbarrikadierte plötzlich eine Gruppe von aufgebrachten Leuten den Weg und bedrohte uns mit Knüppeln. An eine Weiterfahrt war nicht zu denken.
Sie stellten uns zur Rede und wollten wissen, warum wir das Wild jagen. Während die Gespräche immer hitziger wurden, durchsuchten einige der Dorfbewohner den Jeep nach versteckten Gewehren. Aber als wir erklärten, dass wir ein Presseteam, nämlich Reporter und Fotografen seinen, und unser Fahrer ihnen dieses übersetzt hatte, entspannten sich die Belagerer und einige von ihnen lächelten sogar.
Sie hatten verstanden. Man bot uns Trinkwasser an und beantwortete bereitwillig und geduldig all die vielen Fragen, die aus uns heraussprudelten. Plötzlich waren alle freundlich und aufgeschlossen. Aber als ich einen jungen Mann ansprach, antwortete er nicht, sondern bat mich stattdessen, ihm in seine Hütte zu folgen. Ich war irritiert: "Warum?" - "Um die Fragen zu beantworten", erwiderte er höflich.
Als ich in die Hütte trat, sah ich eine junge Frau in einer Ecke hocken, und neben ihr stand eine junge Gazelle. Der Mann sprach mit ihr und die Frau entblößte daraufhin eine Brust und stillte das Tierkind.
Ich war fassungslos. Als man meine Überraschung sah, wurde mir erklärt, dass die Mutter der Gazelle vor einigen Tagen in der Nähe des Dorfes getötet worden war. Die Wilderer waren zwar entkommen, aber man hatte das Junge retten können. Nun zog man es auf mit Frauenmilch - der Milch einer Bishnoi-Frau-
Wie betäubt verneigte ich mich vor diesen Menschen.
So verlief meine erste Begegnung mit Bishnois - und gleichzeitig war dies auch meine erste Erfahrung mit Gazellen in der Wüste.
Als es dämmerte, fuhren wir zurück und nahmen den Zug nach hause. Während der Fahrt schlief ich ein, wachte aber immer wieder auf und hatte die das junge Tier säugende Frau vor Augen. Ich konnte das Bild einfach nicht vergessen - und kann es auch nicht bis zum heutigen Tage: Diese besondere Gemeinschaft hat mich für immer in ihren Bann gezogen.
Es ist mir bewusst, dass sich mit der Zeit auch bei den Bishnois Änderungen in ihrem Lebenssitl eingestellt haben, aber ihre wundervolle Tradition der Rücksichtnahme auf Fauna und Flora lebt nach wie vor! Harsh Vardhan
Quelle: Herma Brockmann/Renato Pichler: Wegbereiter des Friedens

Als ich am Abend noch einmal durch das Dorf laufe, sehe ich, wie eine Bishnoi-Frau behutsam ein Gazellenkitz versorgt, das von einem Hund verletzt wurde. Auf den nahen Hirsefeldern tummelt sich friedlich eine Herde Antilopen in der milden Abendsonne. Ist dies Wirklichkeit, frage ich mich, in einer Welt, in der man Tiere zum Vergnügen tötet - oder träume ich?
Anupma Bhattacharya